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Der verschwundene Rauchfangkehrer von    Komotau.    

Unter dem Hochaltar der Ignatiuskirche zu Komotau befindet sich eine Gruft, in der die Mönche des Jesuitenklosters von nebenan ihre letzte Ruhe fanden. Unter den bestatteten Leichen befindet sich eine, die nicht zu den anderen paßt. Es ist seiner Kleidung nach ein Rauchfangkehrer ( Kaminkehrer, Schlotfeger)
Die nachfolgende Geschichte soll auf einer wahren Begebenheit beruhen. Sie wurde erzählt von Dr. Hans Hübl und erschien in mehreren Folgen in unserer Heimatzeitung. Die Wiedergabe erfolgt in gekürzter Form.

Zwei Wanderburschen der Rauchfangkehrerzunft, Karl und Arnold, bewegten sich auf die Stadt Komotau zu. Sie unterhielten sich über dieses und jenes. Karl erzählte Arnold, daß er davon gehört habe, daß sich in der Klostergruft unter der Ignatiuskirche möglicherweise neben den Särgen auch Schätze befinden könnten. In den unruhigen Zeiten des 30jährigen Krieges sollen die Jesuiten dort ihr Gold und Wertsachen versteckt haben. Soweit, so gut. Das Gespräch geriet in Vergessenheit, denn die Stadt war nahe.

Karl war in Komotau zuhause und freute sich, seine Eltern wiederzusehen. Er übernahm von seinem Vater die elterliche Brauerei. Auch Arnold fand seinen Meister, bei dem er sich alsbald wohl fühlte. Er lernte ein Mädchen namens Maria kennen, das er alsbald heiratete.

Arnold hatte in Komotau von anderen Rauchfangkehrern gesehen, daß sie auf den Dächern von einem zum anderen Haus gingen. Das ersparte das lästige Absteigen, zumal Reihenhäuser oftmals die gleiche Höhe hatten. Arnold kehrte an diesem Tage die Kamine der Häuser von der Bachseite der Steingasse. Auch die anschließende Südseite des Marktplatzes war sein Revier. Der Einfachheit halber stieg er auf das Dach der Ignatiuskirche und machte da eine bedeutsame Entdeckung. Auf der dem Assigbach zugewandte Seite befand sich eine schornsteinartige Öffnung. Sie war etwas breiter als wie eine Schmiedeesse, aber ohne die geringsten Rauchspuren. Aus der Öffnung drang ein dumpfer Geruch. Ohne Zweifel, er hatte den Entlüftungsschacht der Gruft entdeckt.

Arnold dachte blitzartig an die verborgenen Schätze der Jesuiten. Kurz entschlossen legte er sein Seil um den Entlüftungsschacht,warf das andere Ende in diesen hinein und kletterte hinunter. Das Seil reichte nicht bis zum Boden der Gruft. Er überlegte, ob er aufgeben sollte und anderntags mit einem längeren Seil sein Vorhaben wiederholen sollte. Doch das wäre aufgefallen, denn die Kaminkehrung war erst wieder in 4-5 Monaten fällig. Er sprang abwärts und erreichte nach etwa 2m Boden. Doch dieser war sehr rutschig, wohl wegen des Wassers, das in den Schacht hineinregnete. Arnold glitt blitzschnell aus und fiel auf den Boden der Gruft. Das rettende Seil war weit entfernt. Doch das war zunächst für Arnold nebensächlich.

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Die "Katakomben" waren angeblich nach 1945 für Besucher geöffnet.

Als Rauchfangkehrer hatte er Flintstein,Zunder und Lunte dabei. Er machte sich Licht und sah sich um. Aber von Schätzen keine Spur. Nur Särge in Fülle. Enttäuscht wollte er wieder nach oben.Aber erst jetzt erkannte er die Gefahr, in der er sich befand. Die Lunte war alsbald abgebrannt und er befand sich in dunkelster Finsternis. Irgendwie mußte er das rettende Seil erreichen.

Er stapelte die Särge treppenhaft übereinander. Doch er konnte die Höhe nicht erreichen. Bei den damaligen Eßgewohnheiten erschöpften sich seine Kräfte schnell. Erschöpft schlief Arnold ein. Es muß wohl schon Abend gewesen sein.

Sein Meister konnte sich sein Ausbleiben nicht erklären. Seine guten Kleider hatte Arnold im Hause gelassen und außerdem war er ohne Weggroschen. Also mußte ihm ein Unglücksfall passiert sein. Aber die lebensrettende Idee hatte sein Meister nicht im entferntesten. Auch seine junge Frau machte sich Sorgen.

Am anderen Tag ging Arnold mit hungrigem Magen weiter ans Werk. Er überlegte: Bei Besuchen in der Kirche hatte er im Altarraum einen großen Deckel gesehen, den Eingang zur Gruft. Dieser war verschlossen und mit Mörtel verschmiert. Arnold suchte und fand die Stufen nach oben und den Deckel. Doch dieser war für ihn viel zu schwer. Arnold versuchte mit bloßen Fingern den Mörtel der Fugen herauszukratzen. Vergeblich. Ohne technische Hilfe konnte er da nichts ausrichten. Not macht erfinderisch. Beim Luntenschein hatte er auf einem Sarg eine Kupferplakette bemerkt. Diese machte er mit viel Mühe lose. Doch das Gerät war aus reinem Kupfer und viel zu weich zum Kratzen.

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Aufnahme der Gruft von 1913. Die Mumien wurden in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts auf dem Friedhof beigesetzt.

Indes fanden in der Kirche Gottesdienste statt. Die Besucher hörten die Geräusche. Sie vermuteten in abergläubischer Manier, daß einer der Toten wieder zum Leben erweckt war. Sogar die Frau das Kaminkehrermeisters und die Gattin von Arnold hörten das Kratzen, ohne es richtig zu deuten. Ohne Erlaubnis des Dechants jedoch durfte keiner die Gruft öffnen. So unterblieb die lebensrettende Aktion.

Mit der Zeit wurden die Kratzgeräusche schwächer und verstummten schließlich ganz. Arnold hatte sich in einen der Särge gelegt, den Insassen in den Deckel desselben und war entschlafen.

Jahre und Jahrzehnte waren ins Land gegangen. Eine neue Zeit war da und die Jesuiten mußten das Kloster 1776 räumen. Aus dem Kloster wurde eine Kaserne in die 600 Soldaten einzogen.

Aus der Gattin des Arnolds, Maria, war eine Greisin geworden. Sie hatte immer geglaubt, daß Arnold ein Unglück zugestoßen sei und er nicht geflohen war.

Zu Sommeranfang brach ein schweres Gewitter über Komotau herein. Über dem "Kaadner Winkel" hatten sich schwere Wolken aufgetürmt und ihre unheilvolle Fracht über die Stadt entladen. In der Kaserne waren die Wände zur Kirchengruft hin triefend naß. Der Kasernenkommandant erbat vom Dechant die Erlaubnis, die Gruft zu öffnen.

Sie wurde leer geschöpft und das gab es die Überraschung: Ein offener Sarg, in dem ein Rauchfangkehrer lag. Er war noch gut erhalten, ja fast mumifiziert. Seine Kleidung verriet seine Zunft. Die Kunde ging wie ein Lauffeuer durch die Stadt.
Der amtierende Rauchfangkehrermeister (Arnold ehemaliger Meister war längst verstorben) begab sich in festlicher Kleidung  zu Maria und bat sie, sich auch festlich zu kleiden. Danach gingen beide durch ein Spalier von Komotauer Bürgern zu Ignatiusgruft.

In ihr eröffnete der Meister Maria, daß ihr Gemahl nun endlich gefunden sei. Er führte sie zu dem offenen Sarg und Maria weinte. Nicht Tränen der Trauer, sondern Tränen der Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen in der Ewigkeit. Drei Jahre später starb Maria an einem ruhigen Herbsttag. Sie war zu ihrem Arnold heimgekehrt zum ewigen, unzertrennlichen Bunde.

PS: Ein anderes Ende dieser Schauergeschichte wird erzählt:

Der Kamin hatte wohl Steigeisen, doch das unterste war abgebrochen. Die Mumie saß auf den Treppenstufen der Gruft. Mit ihm hatte der Rauchfangkehrer wohl an den Deckel geklopft, wurde aber nicht gehört, oder das Klopfen wurde nicht verstanden.