Mannesmann Komotau, Luftaufnahme |
Die Mannesmann- Röhrenwerke in Komotauvon Helmut Mürling unter Verwendung von Auszügen aus "75 Jahre Mannesmann 1890- 1965", der Dokumentation von Ernst Ladek in der Komotauer Zeitung April bis November 2006 und Prof. Dr. Horst A. Wessel, Mannesmann-Archiv Mülheim |
| Die Komotauer Mannesmannwerke sind eine logische Fortentwicklung der Ideen Ritter von Gerstners. An seinem Geburtsort wurde in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts das Mannesmann- Röhrenwerk errichtet. | |
| Wenn die Rede auf "Mannesmann" kam, sprach meine Grossmutter immer nur vom "Eisenwerk". Im Unterbewusstsein hatte sie wohl immer noch die "Erzgebirgische Eisen und Stahlhütte" ihrer Jugend (um 1880) vor Augen. Auch im allgemeinen Sprachgebrauch war "Mannesmann" immer nur "das Eisenwerk" Wir "Gunge" durften zwar nie hinein. Doch war uns sein Fluidum vertraut: Laufende Maschinen, kreischende Eisensägen, der Krach, den fallendes Metall macht, der "Dompfhommer". Auch der ständige Staub, den meine Mutter alle paar Tage von den Möbeln wischen mußte, sind in wacher Erinnerung. Die Fertigprodukte verließen "das Werk" auf offenen Waggons mit der Bahn, unten auf Michanitz zu. Bevor man Michanitz erreichte, mußte man noch das Bockelbähnle überqueren, das den Abraum vom Juliusschacht auf die nahe Aschenhalde beförderte. Auch die noch glühenden Kohlen von den Hochöfen wurden von Loren dort abgekippt. Meine Großmutter und meine Mutter lasen dann unten die noch unverbrauchten Kohlen auf, um sie in den Vorratsschuppen zu bringen. So sparten wir uns den Kauf von Kohle für den Koch- und Heizherd. | |
| Vom Juliusschacht ging eine Drahtseilbahn ins Eisenwerk, die Braunkohle, die Energie des Werkes, hinüber beförderte. | |
| Beidseits der Straße befanden sich Bingen, Wasserlöcher, die vom Untertagebau des Juliusschachtes herrührten. Am östlichen Ortsrand von Michanitz befand sich ein Wetterschacht, die "Lunge" des Bergwerkes. |
Die "Erzgebirgische Eisen- und Stahlgesellschaft"
| Bis 1868 arbeiteten bei Komotau einige Eisenschmelzbetriebe, welche den im Kaadner Bezirk gewonnen Eisenstein verhütteten. Die Werke wurden mit Holz beheizt und konnten deshalb den Kosten nicht standhalten. Die Braunkohle konnte technisch noch nicht zum Schmelzprozess verwendet werden. | |
| Im Jahre 1869 gründeten Prager und Wiener Investoren auf dem späteren Gelände des Mannesmannwerkes die "Erzgebirgische Eisen und Stahlgesellschaft" in Komotau. | |
| Um 1870 erfolgte der Bau der Werksanlagen im Gottesackerviertel (Gutsackervertl) mit Puddelhütte, Walzhütte, Giesserei, Dreherei und Schmiede. Ein Gleis führte zum Bushtierader Bahnhof (dem späteren Hauptbahnhof). Die Produktpalette umfasste in der Dreherei bearbeitete Geschützmunition, Schweisseisen, Bleche und Drähte. Aus Dux wurden täglich zwanzig Waggon Kohle antransportiert. | |
| 1874 ging die Gesellschaft in Konkurs. Der neue Besitzer, die Firma Hardt & Co. legte die Anlage still. Später wurde die Giesserei und Dreherei an die Firma Brandeis verpachtet. |
Die Familie Mannesmann:
| Henrich Mannesmann, ein Vorfahre , eröffnete 1775 bei Remscheid eine Feilenschmiede. Reinhard Mannesmann senior lebte von 1814- 1894. Dieser übernahm 1835 die Feilenschmiede mit seinen Brüdern Arnold, Robert und Richard und entwickelte den Betrieb zu einer Feilenfabrik. Reinhard holte sich die besten Feilenschmiede, Hauer, Ausglüher und Härter zu sich und baute die Produktion auf. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Auf den Weltausstellungen in London und Paris erhielt Mannesmann die Goldmedaille für seine Feilen. |
Max Mannesmann |
Reinhard Mannesmann |
| Reinhard sen. erkannte die Notwendigkeit, im aufkommenden Zeitalter der Technik seinen Söhnen ein Technikstudium zukommen zu lassen. Reinhard Mannesmann junior (1856-1922) und Max Mannesmann (1857- 1915), die beiden ältesten Söhne Reinhards hatten die technische Begabung ihres Vaters geerbt. | |
| Schon bald nach ihrem Studium meldeten sie ihr erstes Patent an. Sie nannten ihre Erfindung "Schrägwalzverfahren nebst zugehörigem Walzwerk". Die Patentschrift wurde von ihrem Vetter, dem Philosophen Dr. F. Kögel meisterhaft ausgearbeitet und beim kaiserlichen Patentamt in Berlin am 17.1.1885 das Patent beantragt. | |
| Am 10. März 1886 wurde erteilte das Patentamt den Patentschutz unter der Nummer 34617. Bei den Mitbewerbern fand die Erfindung keinerlei Beachtung. So konnte man die Versuche ohne Zeitdruck von aussen unbehelligt weiterführen. Das Geheimnis konnte noch eine Weile gewahrt werden. |
Über die Erfindung der Mannesmann- Röhren wird eine Geschichte erzählt. Sie könnte in das Reich der Legenden gehören, wäre nicht ein Körnchen Wahrheit dabei. An einem Sonntag saß die Familie Mannesmann beim Nachtisch. Da kam Herrn Mannesmann, dem Älteren, eine auf dem Tisch liegende Brotkrume in die Hand und achtlos begannen die Finger diese zu kneten und zu rollen. Plötzlich aber blieb sein Blick an dem Klumpen, den die Finger gebildet hatten, haften. Beim Rollen hatte sich ein Röhrchen gebildet. Es überraschte ihn dabei, daß man aus einer zusammenhängenden Masse eine Röhre rollen könne. Andere hätten nur ein zufälliges Gebilde gesehen. Mannesmanns reger Geist aber vermutete sofort die notwendige Folge einer mechanischen Einwirkung unter bestimmten Umständen. Jetzt wiederholte er das Spiel mit bewußter und aufmerksamer Absichtlichkeit; es gelang ihm nicht immer, ein Röhrchen herzustellen, bis er entdeckte, daß die Finger, wenn es gelingen sollte, die Teignudel nicht nur rollen, sondern auch in bestimmter Weise vorwärts schieben mußten. Diese scheinbar unbedeutende Erkenntnis ließ ihn nicht mehr los und plötzlich schoß ihm der Gedanke in den Sinn, daß man so auch den bildsamen Metallteig zu Röhren ausrollen könnte. So war das Spiel mit den Brotkrumen die Erfindung der Mannesmann- Röhren vollzogen. |
Gründung des Werkes Komotau.
| Reinhard Mannesmann, der Vater, war von der Erfindung seiner Söhne überzeugt und gründete mit der Fa. Hardt & Co. eine Kommanditgesellschaft. Bereits 1886 wurde das Gelände südöstlich des Gutsackerviertels aufgekauft. Die vorhandenen Bauten wurden durch eine Fertigungshalle und Presshalle erweitert. Das Magazin- und Bürogebäude wurden um zwei Stockwerke erhöht für Büro und Wohnung der Herren Mannesmann. | |
| Die Brüder Max und Reinhard Mannesmann begannen 1888 in Komotau mit der Umsetzung ihrer Idee, nahtlose Stahlrohre aus einem vollen Block zu walzen. Dies war Ursprung des Unternehmens, das am 16.7.1890 gegründet wurde. Die Patente, die die Brüder Mannesmann erworben hatten, wurden vom deutschen Reichsgebiet auf Österreich Ungarn ausgeweitet. Komotau gehörte damals zu der Donaumonarchie. Für das österreichiche Geschäft wurde das Röhrenwalzwerk Komotau gegründet. | |
| Friedrich Siemens war von Anfang an ein begeisterter Förderer des Komotauer Unternehmens. Er beteiligte sich bei der Gründung mit 1 Million Gulden. Das war für die damalige Zeit eine ungeheuere Summe. Das Unternehmen wurde offiziell am 16.7.1890 unter dem Namen Deutsch- Österreichische Mannesmann- Röhrenwerke gegründet. Das Gesamtkapital betrug 2 Mill. Gulden. Die Brüder Mannesmann übernahmen zunächst selbst die Firmenleitung, Friedrich Siemens den Vorsitz im Aufsichtsrat. | |
| ² Nachdem die Produktion eingerichtet worden war, wurde bereits am 26.Juli 1888 im Beisein staatlicher und städtischer Behördenvertreter das erste Stahlrohr in Komotau gewalzt. Dabei handelte es sich, wie das Deutsche Volksblatt Komotau" berichtete, um ein 5,5 m langes Stahlrohr mit 100 mm Durchmesser, das innerhalb von nur zehn Sekunden gewalzt wurde. Trotz dieses glänzenden Belegs für die Brauchbarkeit des revolutionären Verfahrens gab es große Schwierigkeiten bei der Auswalzung der auf der Schrägwalze gefertigten dickwandigen Hohlkörper zu dünnwandigen, marktfähigen Rohren. Die Lösung brachte eine zweite große Erfindung, das Pilgerschrittverfahren von Max Mannesmann. Dieses Verfahren wurde in Komotau entwickelt, und zwar von den Erfindern selbst unter Mitwirkung ihres Chefkonstrukteurs Rudolf Bungeroth, der dazu von Remscheid nach Komotau beordert worden war. | |
| Siegfried Blau hatte Alfred Mannesmann als technischer Leiter im Jahre 1893 abgelöst. Julius Franken war seit 1.7.1892 kaufmännischer Direktor. |
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Walzhalle um 1895 |
| Das Werk Komotau hatte am österreichischen Markt einen Anteil von 35%. Die k.u.k. Armee war Hauptabnehmer. Kritisch war die Lage für das Werk in den Tagen nach dem 1. Weltkrieg. Aus den leitenden Beamten, Angestellten und Arbeitern stellte man eine ständige Werkswache auf. Das Komotauer Werk wurde im Jahre 1907 rechtlich eigenständig. | |
| 1938, nach dem Anschluß des Sudetenlandes kam schließlich das Komotauer Werk wieder zur Muttergesellschaft nach Düsseldorf. | |
| Nach dem 2. Weltkrieg wurde gemäß Kontrollratsgesetz Nr. 5 das gesamte Auslandsvermögen sämtlicher Unternehmen enteignet. | |
| Das Mannesmannwerk wurde in den 60 er Jahren des vergangenen Jahrhunderts stark erweitert. Nahezu das gesamte Gutsackerviertel wurde eingeebnet. Dort, wo früher Badgasse, Gabelsberger Straße, Lessingstraße, Gärtnergasse, Weinberggasse, Kreuzgasse, Partschgasse waren, stehen heute Werkshallen. Der Werkseingang befindet sich heute etwa auf Höhe der ehemaligen Gabelsberger Strasse. | |
| Im Jahre 2005 waren nur noch etwa 200 Beschäftigte im Werk. |
Blick vom Weinberg auf das erweiterte Gelände des Werkes. Im Hintergrund die Eidlitzer Straße. |
Blick vom Weinberg um die Jahrhundertwende
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